Heckenbraunellen mag ich. Ule Rolff mag Heckenbraunellen auch. Ich habe den Anfang einer Geschichte geschrieben. Wie die Geschichte weiter geht, weiß ich noch nicht, sie hat es mir noch nicht gesagt. Aber Ule weiß, wie die Geschichte für sie weitergehen könnte. Und das kann man hier lesen: Ule Rolffs Fortsetzung der Geschichte

 

Die Heckenbraunelle

Die Heckenbraunelle ist weit verbreitet und häufig, aber unscheinbar und daher oft unbekannt. Oberseits sperlingsähnlich gestreift, doch mit schlankem Schnabel und viel Grau an Kopf und Brust. Läuft oft mäuseähnlich ruckartig am Boden, sucht aber schnell niedrige Deckung auf. Besucht Futterhäuser…

Er klappte das Buch zu, mit einem unwillkürlichen Ducken, so als suche er selbst Deckung. Der Kaffee im Becher war kalt geworden, wärmte seine Hand nicht mehr, vielmehr hielt seine Hand die Restwärme fest, wie ein Eierwärmer oder eine Kaffeekannenhaube. Aber wer benutzte schon noch Kaffeekannenhauben, wozu auch, man benutzte ja auch keine Kaffeekannen mehr. Einen Moment überlegte er, ob das überhaupt so hieß, Kaffeekannenhaube, oder anders. Er ging zum Schreibtisch, gab Kaffeekannenhaube in Google ein, ja, so hieß das, oder auch Kaffeekannenwärmer, und man konnte es noch kaufen, Vintage Style, altmodisch eben und deshalb schon fast wieder angesagt.

Er ging zurück zum Fenster, nahm den Kaffeebecher, den er auf die Fensterbank gestellt hatte, wieder in die Hand, in die linke, die Restwärme war verschwunden, er würde sie wieder aufbauen müssen mit seiner Körperwärme, der linkshändigen.

Die Heckenbraunelle baut ihr Nest dicht über dem Boden, fiel ihm ein, einen halben Meter oder einen Meter hoch in Hecken oder anderem dichten Gebüsch. Ein Nest aus Moos, gerne mit Haaren ausgepolstert.

‚Gerne‘, dachte er, wieso sage ich ‚gerne‘, und wieso denke ich ‚sage ich‘, wo ich doch nichts gesagt habe, sondern nur gedacht. Und wieso ‚nur‘, wieso denke ich ‚nur‘… Wieso denkt man in Wörtern, und wieso ‚man‘…?

Die Heckenbraunelle legt vier bis sechs blaugrüne Eier. Die Brutdauer beträgt ca. 14 Tage und die Nestlingszeit genauso. Das Weibchen brütet überwiegend alleine und wird in dieser Zeit vom Männchen mit Nahrung versorgt. Wenn die Jungen geschlüpft sind, werden sie von beiden Eltern gleichermaßen gefüttert…

Er lachte. Nicht in Wörtern, einfach in Lachen, er lachte in Lachen, mit Lachen, er merkte es auch, weil er laut lachte, ein lautes wortloses Lachen, ein Lachen, das mehr sagte als Worte.

Der Ruf der Heckenbraunelle ist ein dünnes, hohes „ziht“, der Gesang besteht aus einem eiligen, schlichten, nicht lauten, auf- und absteigenden Klirren.

Er stellte den Kaffeebecher wieder auf die Fensterbank, ein Klirren auch das, ein schlichtes, aber nicht auf- und absteigend.

Wort für Wort konnte er zitieren, was über die Heckenbraunelle geschrieben stand in dem Bestimmungsbuch, dem Buch, das ihn seit Jahren begleitete, schon lange. So lange schon…

Nicht nur, was über die Heckenbraunelle geschrieben stand, auch über andere Vögel, große, kleine, häufige und seltene. Manchmal waren ihm die kleinen die liebsten, die unscheinbaren, die scheinbar unscheinbaren, dann wieder die großen, die Greifer, immer aber die Heckenbraunelle, die Heckenbraunelle war sein Vogel. Und er war ihr Mensch.

Advertisements